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Werkstatt-Blatt
Nr. 6, Feb. 2002
80
Jahre Karl Partsch

Fünfzehn Jahre ist es jetzt
schon her, seit wir in der Stube
seines Allgäuer Domizils zusammensaßen und unsere erste
gemeinsame Baumpflanzaktion vorbereitet hatten. Seither war Karl
Partsch
unser regelmäßiger Begleiter und hat zahlreiche
TeilnehmerInnen unserer |
- Aktivseminare, später Umwelt-Werkstätten,
in den Bergwald
geführt. Er hat nicht nur gelehrt, untrügliche Anzeichen des
Waldsiechtums an den gelbspitzigen Blättern von Fichte und
Bärlapp zu erkennen, er hat auch den Blick der TeilnehmerInnen auf
die Schönheit der Alpenlandschaft gelenkt.
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- Auch mit fast 80 Jahren kletterte Karl Partsch auf
unserer
letzten Exkursion im vergangenen September zum Gaisalpsee hoch, wobei
die ein oder andere FlachländerIn schon einmal ins Schnaufen kam.
- Über die Medien ist das Bild des rebellischen
Alpenschützers und des umtriebigen Europaabgeordneten bekannt
geworden. In der botanischen Fachwelt genießt Karl Partsch hohe
Anerkennung für seine Züchtungen von Farnen und Gräsern,
wo er auf seinen zahlreichen Streifzügen in den Alpen so manche
Varietät entdeckt hat.
-
- Auch an seinem Geburtstag wird Karl Partsch nicht
müde, auf den katastrophalen Zustand des Begwaldes hinzuweisen. In
seinem Dankesbrief schrieb er uns: "Der Waldzustand wird ständig
schlechter und es beginnt die Hoffnung in Form der Sämlinge zu
sterben. Ph-Werte in der Rendzina über Hinterstein* liegen bei 2,1
bis 3,5 - sprich im Humus über Kalkgestein. Doch es wird weiter
gekämpft!"
* Anm. d. Red.:
- Hinterstein ist ein Ort im Allgäu bei Hindelang
- Rendzina ist der nährstoffarme Humus über
Kalkgestein
- Kalk ist ein basisches Gestein. Viele Fachleute
hatten
erwartet, daß der Kalk den sauren Regen neutralisiert. Da aber
bei
der Verwitterung des Kalkgesteins 95 % der Masse in die Luft ausgast,
ist im Verwitterungsboden, der Rendzina, kein Kalk mehr vorhanden, der
Säuren binden könnte.
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- 30 Jahre Skizirkus
um das
Fellhorn in Oberstdorf
- Auf dem sogenannten "schönsten Blumenberg des
Allgäus" ist die größte Skianlage Deutschlands
entstanden. Skifahren, Wandern, Naturschutz, Almwirtschaft, alles
einvernehmlich nebeneinander?
- So will es uns zumindest das naturkundliche
Infozentrum,
das für über 1,5 Mio. DM EU-Geldern in Oberstdorf und in der
Mittelstation der Fellhornbahn eingerichtet wurde, weismachen. Für
dieses Geld wurde nicht die Jahr für Jahr wachsende
Zerstörung
der Bergwiesen repariert, nein, man ließ alles beim alten und
präsentierte statt dessen bunte Bildchen. Kein Schneehuhn, kein
Birkhuhn, kein Steinadler, keine Alpenrose, kein Enzian, keine Orchidee
kehrten zurück oder wurden wieder angesiedelt.
- Doch vielleicht erzählen wir in Umrissen von der
Geschichte des Skizirkus und der Unterordnung eines Naturschutzgebietes
unter Gewinngrundsätze.
- In den 60er Jahren begannen die Planungen für
eine
große Seilbahn in sensibelster Natur, einbezogen war auch das
Landratsamt Kempten unter Federführung des späteren
Oberstdorfer Bürgermeisters. Das Bundesbaugesetz § 35 wurde
außer Kraft gesetzt, mit dem Argument des Wohls der Allgemeinheit
wurden Naturschutzgesetze ausgehebelt, untere und obere
Natuschutzbehörde zu Ausnahmegenehmigungen angewiesen,
Protestierer
im Ort als Arbeitsplatzvernichter hart bedroht, bis die damals
größte Kabinenbahn 1971 stand. Natürlich wurde sie als
naturverträglich hingestellt. Bald stellte sich heraus, daß
sich an der Talstation größere Staus von Skifahrern
bildeten,
die froren. - Leider mußte deshalb noch ein Doppelsessellift
parallel gebaut werden; nun standen sie an der Mittelstation, neue
Erweiterungen waren nötig.
- Schritt für Schritt wurden 40 ha geschützte
Hochgebirgsfläche einfach planiert, Moore wurden
zugeschüttet,
streng geschützte Orchideen und Birkhuhneinstände vernichtet.
Die max. möglichen 30.000 DM Strafe konnten aus der Portokasse
gezahlt werden.
- In den 80er Jahren wurde als erste Bergbahn in
Deutschland
am Fellhorn Beschneiung mit Schneekanonen begonnen. Wieder
"mußten" extrem sensible Almwiesen, Hangmoore, Alpenrosen und
Knieholzregionen planiert und Gräben für Drainagen und
Wasserleitungen gebaggert werden. Und nun ging es erst richtig los. Im
Warmatsgundtal wurde ein Pumpspeicherwerk gebaut, um angeblich
umweltfreundlich Strom zu erzeugen. In Wirklichkeit dient nun die
über 40 Mio. DM teure Investition vorwiegend dem Skigebiet, denn
nachts und im Winter braucht man dort Wassermassen, die die Stillach
nicht auf Anhieb bietet. Die Zerstörung war entsprechend
Naturschutzgesetz "auszugleichen". Doch wie kann man vom Aussterben
massiv bedrohte Tierarten wie verschwundene Birk- und
Schneehühner,
10.000 seltene Orchideen und Enziane und 100.000 seltene Kräuter
und Gräser wieder im Hochgebirge ansiedeln? Die Bergbehnbetreiber
taten es auch nicht, sondern säten lediglich
Flachland-Rasenmischung nach DIN-Norm.
- Die künstliche Beschneiung wurde anfangs auf
5-jährigen Probebetrieb genehmigt und nachdem alles stand, klagte
man auf Dauerbetrieb.
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- Seit 1996 gibt es den Scheidtobellift; einen Lift
mitten
durch ein Naturschutzgebiet mit Birkhuhn Überwinterungs- und
Lebensräumen. Immer noch kein Ende des Bauens: die Erweiterung der
Söllereckbahn, die geplante Verbindung zur österreichischen
Kanzelwandbahn. Jedes Jahr kommen Sommers wie Winters mehr Menschen auf
die Berge, keine Nachhaltigkeit ist in Sicht oder wird lediglich als
Worthülse verwendet im Seminargebäude des Infozentrums. Die
inzwischen zur RWE gehörende Fellhorn- und Nebelhornbahn muß
Gewinn abwerfen, koste es, was es wolle - mit der Parole: Nach uns die
Sündflut.
- Gibt es Hoffnung für diese Skiwelt? Wohl kaum.
Dazu
werden die Winter wärmer und wärmer, genau durch diese Denk-
und Lebensweise.
- Aber es gibt ein paar Menschen im Ort mit dem Herzen
auf
dem rechten Fleck, die Rechtler. Das sind die genossenschaftlichen
Eigentümer des Teils der mittelalterlichen Allmende von
Oberstdorf.
Sie bewahren den von ihren Eltern ererbten Grund und Boden und setzen
auf behutsame Almwirtschaft (Nur soviele Kühe werden gehalten, wie
nachwachsendes Futter da ist. Es darf nur soviel Holz gefällt
werden, wie nachwächst.) und sie fördern naturnahen
Skitourismus im Winter, das Wandern nach Gerstruben oder ins
Traufbachtal im Sommer. Uns Gästen bieten sie
Urlaubsmöglichkeiten in Achtung vor der Natur und Respekt vor den
Generationen Bergbauern, die diese Kulturlandschaft geschaffen haben.
Sie erfreuen uns mit frischer Butter, Milch, Buttermilch und Käse
direkt von der Alpe.
- Dort wird das Wort Nachhaltigkeit mit Leben
erfüllt.
Die Rechtler wollen auch ihren Kindeskindern ein Land, einen Ort, eine
Kultur weitergeben, in der es sich lohnt, zu leben und zu wandern.
- Wir können sie unterstützen.
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- Wolfgang Heger
- (leicht gekürzte Fassung des Beitrages im "Raben
Ralf")
Tipp: Ein Hauch Satire zum Fellhorn
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- Werkstatt-Blatt Nr. 6 Feb. 2002
- Umwelt-Werkstatt
2001
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- "Von der Krise zur Wende? Viehwirtschaft in
Bergregionen"
lautete das Schwerpunktthema der einwöchigen ASW Umwelt-Werkstatt
im September 2001. Angesichts der Kette von Skandalen in der
Massentierhaltung ist das Interesse an den Hintergründen und dem
neuen EU Gütesiegel für artgerechte Tierhaltung gewachsen. Da
Bergbauer Huber sich weitgehend an traditioneller Viehhaltung
orientiert, fällt ihm die geplante Umstellung gemäß
Ökoprüfsiegel relativ leicht. Mit Interesse folgten die
TeilnehmerInnen auch seiner anschaulichen Beschreibung der
überlieferten Gemeinschaftsregelungen (Allmende), die im Verein
der
ehemaligen Rechtler noch heute praktiziert werden. Zum Beispiel lassen
mehrere Bergbauern ihre Kühe gemeinsam auf ihren Almen weiden und
teilen den Erlös aus Milch und Käse entsprechend den
jeweiligen Anteilen.
- Vorurteile gegenüber den 'heiligen Kühen'
konnten
bei einem Diavortrag über Tierhaltung in Indien hinterfragt
werden.Der bedeutende wirtschaftliche Nutzen und die wenig aufwendige
Haltung der Zebus und Büffel oder die sozialpolitischen und
religiösen Hintergründe sind in Europa kaum bekannt.
- Durch die Globalisierung der Fleisch- und
Viehmärkte
sowie der Züchtung werden Seuchen und andere Probleme auch in
viele
Länder des Südens exportiert. Ohne Unterstützung durch
die VerbraucherInnen bleibt die hier propagierte Agrarwende stecken und
erlangt keine Vorbildfunktion.
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- Dass der Aufwand für die traditionell tier- und
umweltgerechte Almwirtschaft schweißtreibend sein kann, erlebten
die TeilnehmerInnen, als sie einem Almhirt halfen, Steine und
Lawinenholz von einer Weide abzusammeln. Aber sie lernten auch, dass es
sich lohnt, denn vom köstlichen Geschmack der Butter, die sie zum
Dank mit nach Hause nehmen konnten, werden sie lange erzählen.
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